Details über die Unionskirche
 
Unsere Kirche ist uns lieb und wert. Dabei sieht sie von außen so unscheinbar aus, gar nichts Besonderes, eine Basilika halt, der man ansieht, daß die Gotik auf sie eingewirkt hat. Aber kommen Sie mal herein, Sie werden staunen, so etwas haben Sie noch nicht gesehen. Manche Besucher glauben, sie hätten sich in der Tür geirrt und seien doch in der katholischen Kirche gelandet, so scheinbar unevangelisch sieht es hier drinnen aus. Dabei war der Bauherr von streng lutherischer Gesinnung, so lutherisch, daß er sich im Dreißigjährigen Krieg sogar dem Schwedenkönig Gustav Adolph angeschlossen hat. Als dann das Kriegsglück sich wendete, mußte Graf Johannes von Nassau-Idstein ins Exil gehen und konnte erst gegen Ende des Krieges wieder nach Idstein zurückkehren. Da standen natürlich als erstes Maßnahmen zum Wiederaufbau des Landes ganz obenan. Danach pflegte er ausgiebig seine Liebhabereien, wie den Garten und die Gemäldesammlung, und erst gegen Ende seines Lebens begann er, die alte Kirche des ehemaligen Idsteiner St. Martin-Stifts in eine evangelische Predigt- und repräsentative Hofkirche umzugestalten. Das geschah ab etwa 1669. Als er 1677 starb, war der teilweise Neu- und vollständige Umbau nicht beendet. Nur das Kirchenschiff war entsprechend seinen Vorstellungen fertiggestellt. Da seitdem im Kirchenschiff nichts mehr geändert worden ist, haben Sie hier ein bauliches Dokument vor sich, in und an dem sich die gesellschaftliche Ordnung der Gemeinde und protestantische Theologie der Zeit ablesen läßt wie aus einem Buch - wenn man denn die Sprache der Symbole noch versteht.
 
Zuerst fällt natürlich der Bilderhimmel auf, der in 38 großformatigen Gemälden (auf Leinwand) Hochschiffwände und Decke des Mittelschiffes bedeckt. Kaum ein Besucher kann die dort dargestellten Szenen noch richtig deuten und zuordnen. Dabei sind es lauter Szenen aus den vier Evangelien der Bibel (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes), in denen Begebenheiten aus dem Leben Jesu Christi erzählt werden, es sind also keine Heiligenlegenden dargestellt. Die Bilder hängen an Wänden und Decke nicht in historisch erzählender Reihenfolge, sondern nach einem theologischen Programm, das - entschlüsselt- als Einladung an den Besucher zu verstehen ist: Siehe, das Wort Gottes ist immer da, komm, stelle Dich auch unter das Wort Gottes.
 
Dann fallen die Emporen auf. Oben zwischen den marmornen Bögen und und unten zwischen den dicken Marmorsäulen ordnen sie die Gemeindeglieder nach Geschlecht und nach Funktion und gesellschaftlichem Stand. Es war wohl Absicht und hatte seinen Sinn, wenn gegenüber von den regierenden Räten die Regierten, die einfachen Bürger, saßen und beide sich im Gottesdienst in die Augen sehen mußten. Ebenso war es gewollt, daß dem Fürst nur die Kanzel, im übertragenen Sinn also allein das Wort Gottes, gegenüberstand und den bürgerlichen Gerichtspersonen allein der Altar, Ort der Bibel und des Abendmahls. Auf den Spruchtafeln an den Brüstungen ist den Ständen gesagt, was Gottes Ermahnung für sie ist und der Fürst hat seine Legitimation, seine Verantwortung, ja sein Regierungsprogramm auf der Brüstung stehen. Das alles ist schon ein Spiegelbild der Geisteshaltung des Erbauers und der Erbauungszeit, das zu lesen, zu bedenken und letztlich auch zu bewerten sich lohnt.
Die vielfältige Verwendung von Marmor fällt auf. Hier hatte Graf Johannes insofern Glück, als er den Marmor aus eigenen Brüchen holen konnte. Steinmetze aus Düsseldorf, Mainz auch aus Idstein schufen daraus die Kanzel, den Altar im Chor, die Säulen und Bögen im Schiff und den Taufstein. Für die Herstellung der Gemälde nutzte Johannes die Verbindungen des Hauses Nassau in die Niederlande und verpflichtet den Michel Angelo Immenraedt aus Antwerpen nach Idstein, der mit rubensschem Schwung 33 der 38 Gemälde malte. 5 Gemälde sind von Johann von Sandrart, dem Neffen des damaligen deutschen "Kunstpapstes" Joachim von Sandrart, mit dem der Graf wegen seiner vielfältigen künstlerischen Interessen in Verbindung stand.
 
Von ganz anderer Baugesinnung ist der Chorraum, der ca. 50 Jahre später fertiggestellt worden ist. Hier ist nicht mehr der ruhige Schritt der Bogenstellungen des Langhauses weitergeführt worden sondern eine Ansehen heischende Stuckmarmor-Inkrustation mit Lisenen, Kapitälen und schwerem Gebälk bedeckt die Wände. Der Blick des Betrachters wird aber vom Altar und den beiden Grabdenkmäler weitergelenkt zu dem Deckenfresko. Es zeigt den Seher Johannes aus dem Anfang der Apokalypse, wie er den Himmel offen sieht. Und mit diesem Bild wird der Chor eingebunden in die Bilder des Langhauses, deren letztes, vor der Orgel, wiederum den Seher Johannes zeigt, dem der Engel die Worte diktiert : „Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre, denn die Zeit seines Gerichts ist gekommen.“
 
Ist diese Verknüpfung nur zeitgeschichtlich zu deuten, oder wirkt sie über den Tag hinaus ?
Wir laden Sie ein, besuchen Sie unsere Kirche, zum Gottedienst, zum anschließenden Kirchkaffee im Gemeindehaus oder auch einfach so werktags. Sie werden es nicht bereuen.